Die Kulturseiten der Alexandrowka

Leseprobe aus »Abgebrannt« von Thomas Sander

»Karl« aus: Abgebrannt

»Karl« aus: Abgebrannt. Zwischen Rock und Stiefeln – die Malaise des Johann Schischkoff, Tim Esser und Thomas Sander 2009.
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Das Kapitel »Karl« beleuchtet eine eigene historische Facette in der Russichen Kolonie Alexandrowka, nämlich die der illegitimen Kinder.

Karl

Blieb da noch ihr Jüngster, der Karl. Er kam zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes zur Welt und war das, was man einen klassischen Ausrutscher nannte. Ebenso klassisch war auch die Tatsache, daß sich der Vater nach der Geburt des Kindes aus dem Staube machte. Dies nahm ihm Wilhelmine nicht einmal besonders krumm, denn heiraten hätte sie ihn ohnehin nicht können. Als Witwe durfte sie nämlich für ihren Erstgeborenen nur dann die Stelle weiterhin betreiben, wenn sie unverheiratet blieb. Bei einer Wiederverheiratung würde ihr diese Begünstigung allerdings entzogen werden, belehrte sie schon kurz nach Wassilis Tod der Feldwebel Riege. Es käme dann zu einer Verwaltung seitens der aufsehenden Behörde. Und das wolle sie doch sicher nicht, so der Feldwebel mit warnendem Unterton weiter, wobei er auf ihre unmündigen Kinder verwies. Nein, das wollte sie nicht. Damals zeigte sie sich offen froh darüber, in der Stelle bleiben zu können, aber heimlich hatte sie gebangt, wie das alles nur zu schaffen sei: das Haus, der Garten, die Kinder, ihr Wollhandel und... Und außerdem war sie ja erst 36, also in den besten Jahren und noch keine vertrocknete alte Jungfer. Einen guten und fleißigen Mann im Hause zu haben, der sie zudem liebt und achtet, das erschien ihr zeitweilig als die Lösung all ihrer Probleme. Es war ihr dabei egal, ob sie mit ihm in wilder Ehe leben würde oder was die Nachbarn und besonders Aufseher Riege darüber dächten. Hauptsache, sie hatte wenigstens hin und wieder jemanden, der mit ihr die Arbeit und das Bett teilte und auf den sie sich verlassen konnte.

Abgebrannt
 Abgebrannt

Dieser Jemand kam aus der Stadt, war nicht mehr unbedingt der Jüngste, aber ihr erschien er wie die Antwort auf all ihre Gebete. Gewiß, sie mußte Witwe bleiben und daraus hatte sie ihm gegenüber auch nie einen Hehl gemacht. Entweder, es war ihm gleich oder er wollte es nur nicht glauben, jedenfalls blieb er über ein Jahr und hat ihr geholfen und sie geliebt. Dann kam das Kind und er hatte nach etlichen Auseinandersetzungen genug und ging. Und da saß sie wieder und wußte nicht, wie es weitergehen sollte. Sie mußte doch raus, über Land gehen und ihre Wolle verkaufen. Was sollte sie da mit einem Säugling. Nein, der Kleine war bestimmt kein Wunschkind. Doch hat sie ihn behalten, gefüttert, eingekleidet und zur Schule gebracht. Karl nannte sie ihn, und zwar Karl Preuß, nicht Schischkoff, denn er war illegitim und so gab sie ihm ihren Mädchennahmen. Der Junge war nicht einfach, eher ein unruhiges Kind und schwer zu bändigen. Laufend machte er Schwierigkeiten, lief von zu Hause weg und das gleich mehrfach. Oft schon mußte sie ihn von der Polizeiwache holen und sich dabei unangenehme Fragen gefallen lassen. Wilhelmines Reaktionen darauf waren inzwischen ebenso berühmt wie gefürchtet. Schon nach der ersten Frage pflegten sich ihre Augen meist gefährlich zu verengen. Nach der zweiten Frage furchten sich zudem Zornesfalten in ihre Stirn und sollte dann der sie vernehmende Beamte die drohenden Zeichen immer noch nicht richtig erkannt haben und eine dritte Frage stellen, dann kam es unweigerlich zu einem Ausbruch, bei dem ein Schwall von Verwünschungen sich über den Verwegenen ergoß wie die Oder nach einem Deichbruch über das platte Land. So eine Frechheit, tönte es dann laut durchs Zimmer, was sich der gnädige Herr wohl einbilde, so mit ihr zu reden, sie sei eine anständige Frau und würde sich diese Unterstellungen gefälligst verbitten, der Junge habe es gut bei ihr und so könnten doch nur Leute reden, die selber keine Kinder hätten.

Doch so sehr sie den anderen und sich selbst gegenüber auch etwas vorzumachen suchte, es blieb für alle unübersehbar, daß Wilhelmine sich nicht ausreichend um den Jungen kümmern konnte. Und ebensowenig war zu übersehen, daß sie Karl in ihrer Verzweiflung immer wieder bestrafte, was ihn noch mehr dazu trieb, von zu Hause wegzulaufen. Einmal drohte sie ihm gar, wenn er noch einmal davonliefe oder die Schule schwänzte, so würde sie ihn solange auf Erbsen knieen lassen, bis die Knie anfangen zu bluten. Ja, gewiß, das habe sie gesagt, gab sie später bei einer Befragung gegenüber Feldwebel Riege zu, aber sie hat es, Gott sei ihr Zeuge, doch nie getan. Eigentlich war es aber auch gleich, was Wilhemine tat oder nicht tat, denn es half alles nichts, am Ende lief Karl immer wieder davon.

Irgendwann hatte es ihr gereicht, das war wohl im August 1844. Sie kehrte nach etlichen Tagen über Land nach Hause zurück und Karl war wieder einmal verschwunden. Ihre Tochter Auguste sollte eigentlich auf ihn aufpassen. Aber das war keine gute Idee, denn wer paßte eigentlich auf Auguste auf? Wilhelmine war damals sehr müde und ihre Geschäfte hatten ihr kaum etwas eingebracht. Erst am nächsten Tag begab sie sich zum Aufseher, aber der zuckte nur mit den Schultern. Er teilte ihr mit, sie solle sich an das Königliche Polizeidirektorium wenden, vielleicht wüßten die mehr. Im Übrigen frage er sich allerdings schon seit langem, was sie denn mit dem Kind anstelle, daß es so oft von zu Hause wegliefe. Der Kleine wäre doch früher gern zur Schule gegangen. Sie war empört, ja, richtig wütend. Wie konnte er es wagen, der Herr Aufseher, so mit ihr zu reden. Sie habe immer versucht eine gute Mutter zu sein, aber jetzt habe sie die Nase endgültig voll, es stehe ihr bereits bis hier. Und demonstrativ strich Wilhelmine ihren ausgestreckten rechten Zeigefinger unter dem Kinn entlang. Später, im Polizeidirektorium, saß sie vor dem Schreibtisch des zuständigen Inspektors, der vornübergebeugt geschäftig mit seinen langen schmalen Fingern in irgendwelchen Akten wühlte und nur für einen winzigen Moment innehielt, als er Wilhelmine mit zusammengekniffenen Augen durch seinen Kneifer fixierte. Sich sofort wieder seinen Akten widmend, erklärte der Inspektor mit langsamen, überdeutlich betonten Worten, daß man dieses Mal den kleinen Ausreißer in der Nähe von Spandau aufgegriffen habe und daß er noch am selben Tag nach Potsdam überstellt worden sei. Himmel, dachte Wilhelmine noch, was um alles in der Welt hat er denn in Spandau gewollt? Jedenfalls, so berichtete der Inspektor weiter, sei kurz darauf der Tischlermeister Hefele, Wilhelmines Schwager, hier aufgetaucht und habe dem zuständigen Inspektor gesagt, daß es auf keinen Falle mehr so weiter ginge mit dem flüchtigen Neffen seiner Frau. Jetzt müsse endlich etwas unternommen werden, und er, Tischlermeister Hefele, wohnhaft Waisenstraße 3, nehme sich jetzt dieser Sache an und beantrage für den Knaben die Aufnahme in ein Waisenhaus. Offenbar sei seine Schwägerin nicht mehr in der Lage, sich um das Kind zu kümmern und diese, seine Entscheidung auch in ihrem Sinne und natürlich zuvörderst im Sinne des Kindes. Und je eher dies geschähe, umso besser für alle.

Wie Wilhelmine weiter erfuhr, konnte und wollte man sich im Polizeidirektorium schon darum nicht diesen Argumenten verschließen, weil man es mittlerweile leid war, in immer kürzeren Abständen den kleinen Vagabunden seiner sich dann jedesmal wie eine Furie gebärdenden Mutter zuführen zu müssen. Umgehend seien die Formalitäten zur Aufnahme des minderjährigen Karl Preuß in das Zivilwaisenhaus erledigt und derselbe noch am gleichen Abend dorthin überstellt worden. Der Mutter stünde es natürlich frei, dagegen schriftlich Einspruch zu erheben, meinte wie beiläufig der Inspektor und schaute dabei nicht einmal auf, nur müsse sie dann nachweisen, wie sie künftig für das Wohl des Kindes zu sorgen gedächte und da habe man doch so seine Zweifel, angesichts der bisherigen Erfahrungen.

Wilhelmine sprang auf und wollte sich vehement empören über dieses Verfahren, wollte sich mit der rechten Faust auf die Brust schlagen und an das Herz des Inspektors appellieren, doch um alles in der Welt einer Mutter nicht das Kind wegzunehmen. Ein Blick auf den Scheitel des geschäftigen Inspektors, der sich offenbar in eine besonders interessante Stelle der gerade vor ihm liegenden Akte zu vertiefen schien, sagte ihr jedoch, daß dieses Gespräch für ihn offenbar beendet war. Sie begann sich plötzlich sehr unwohl zu fühlen und spürte den heftigen Wunsch, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. War es denn so, wie es jetzt lief, nicht wirklich das Beste für alle und sollte sie ihrem Schwager nicht sogar dafür dankbar sein, daß er ihr diese schwere Entscheidung abgenommen hatte? Ja, kam ihr in der letzten Zeit nicht selbst schon so manches Mal der Gedanke, Karl in ein Waisenhaus zu geben? Wozu sich jetzt also noch aufregen, sollen andere doch zusehen, wie sie mit ihm fertig werden, sie ginge es nichts mehr an. Wilhelmine hob daraufhin ihren Kopf und wandte sich wortlos ab. Mit schnellen Schritten und einem schlechten Gewissen verließ sie das Polizeidirektorium. Sie schickte Karl noch am selben Tag seine Sachen nach und zahlte in der Folge jeden Monat einen Taler an das Waisenhaus. Seither hat sie kaum noch von ihm gehört. Zwölf Jahre ist das nun schon wieder her, eine kleine Ewigkeit.

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